Ich bin tot

Ich bin tot

Es ist Morgen. Bin ich aufgewacht? Ich weiß gar nicht mehr, wann ich endlich eingeschlafen war, aber allzu lange kann es ja nicht her sein. Im Radio fragt der Moderator: „Na, wie fühlt ihr euch an so einem trüben Novembermorgen?“ Ich fühle gar nichts. Man sieht nur Nebel, wenn man aus dem Fenster blickt. Während der Kaffee durch läuft, zünde ich mir meine Morgenzigarette an. Der graue Dunst zieht durch den Luftschacht und durch meine tauben verwinkelten Gehirngänge. Ich merke, wie mein Gehirn sich langsam dem Zustand draußen anpasst: Benebelt, und grau. So ist alles. Der Alltag, das Wetter, das Gehirn… Welches Gehirn? Denke ich damit eigentlich noch? Oder tue ich nur automatisch, was ich gewohnt bin, zu tun? „Ja, so ist das Leben“, sagt der Moderator gerade. Das Leben. Welches Leben? Lebe ich eigentlich? Ich gehe zur Arbeit, mache meine Arbeit, dann gehe ich einkaufen, dann mache ich meinen Haushalt. Und wo dazwischen findet mein Leben statt? In der Mittagspause? Während der Unterwegs-Zigarette, während der Abendzigarette, während der Morgenzigarette… Moment mal: Ist das nun Leben oder Zigarette? Alles Latte oder was?

Ich mache mich auf den Weg zur Arbeit, und denke nach. Womit denke ich? Ist mein Gehirn eigentlich „an“ oder „aus“? Würde ich mein Gehirn während des Wegs zur Arbeit einschalten, ich würde umkehren und zum Hauptbahnhof gehen. Vorher noch nach Hause Packen. Und nix wie weg. Würde ich mein Gehirn während der Arbeit einschalten, ich würde dem Chef sagen: „Sie sind echt ein Kotzbrocken, es ist die Hölle unter Ihrer Diktatur. Ich mache das nur, weil ich mein Geld verdienen muss. Seien Sie froh, dass ich überhaupt her komme!“

Ich gehe an meinen Arbeitsplatz. Das Radio ist leise an, und Christina Stürmer si ngt: „Ich lebe, weil du mein Atem bist, bin durstig, weil du das Wasser bist, bin müde, wenn du mein Kissen bist, du bist für mich mein zweites Ich, ich lebe…“ Und ich denke: Die arme Christina Stürmer. Die hält nur noch der Macker am Leben. Was wäre sie ohne ihren Macker? Wahrscheinlich ganz tot. Hirntot ist sie in meinen Ohren jetzt schon. Die Akte vor mir lebt auch nicht. Sie wird mir nicht davon laufen, wenn ich jetzt in den Pausenraum gehe und den Kaffee eingieße. Als ich zurück komme, singt die doofe Stürmer: „Komm lebe, weil ich dein Atem bin, sei durstig, weil ich dein Wasser bin…“ Und ich denke: Was hat die blöde Kuh davon, dass sie ihren Macker von sich abhängig macht? Wenn man nur lebt, weil der andere gerade da ist, dann ist man eigentlich immer tot, wenn der gerade weg geht. Das heißt: Es gibt noch Hoffnung für mich. Ich bin immerhin nicht ganz so tot wie die Stürmer. Vor allem aber bin ich nicht so doof. Also mache ich mich wieder an die Arbeit.

Ich bin gerade dabei, da fragt meine Kollegin: „Hallo! Jemand zuhause?“ Eigentlich bin ich in der Ulmstraße zuhause. Aber ich gehe ja nur zum Essen und Schlafen heim, das heißt im Prinzip, ich wohne im Büro. Schon allein wegen der Überstunden. Also antworte ich: „Ja, ich bin da. Was gibt’s denn?“ „Putenbrust in Currysoße und Risotto. Isst du auch in der Kantine?“ Ich überlege nicht lange. „Klar. Hab ich auch bestellt.“ Das heißt mal wieder: Akkus aufladen und endlich wieder das Hirn mit ner Lucky Strike vernebeln. Nüchtern muss man sowieso sein, warum soll man dann nicht wenigstens was Ordentliches schmauchen. Während des Small-Talks, wer mit wem und wo und mit welchen Klamotten rum läuft, überlege ich, weshalb ich dort nicht längst gekündigt habe. Beworben habe ich mich, rundum, so oft, bis der Chef es mitgekriegt hat und mich in sein Büro bat. Ich hätte mich bei einem Geschäftspartner beworben. Weshalb ich mit meiner Arbeitsstelle denn unzufrieden sei? Ich habe mich damals gewunden wie ein Aal und etwas von günstigeren Konditionen gefaselt. Merkwürdigerweise habe ich nirgends eine Zusage bekommen, nachdem ich beim Vorstellungsgespräch gewesen bin. Ich möchte meinen ausladenden Hintern drauf verwetten, dass sich alle diskret beim Chef über mich erkundigt haben, und der hat jedem davon abgeraten, mich einzustellen – aus verschiedenen Gründen, nur nicht aus den wahren: Dass er mich behalten wollte. Das Ende vom Lied war, dass ich mich nicht mehr getraut habe, mich weiter zu bewerben, nachdem der Chef mein Gehalt um 100 € aufgebessert hat und meinte, nirgends würde ich für dieses Geld eine adäquate Stelle bekommen.

So sitze ich immer noch in diesem Kabuff und muckele vor mich hin. Der doofe Radiomoderator verspricht echte Abwechslung und spielt immer wieder dieselben Lieder. Zwischendurch zweifelhafte Werbung für ein Bestattungsunternehmen. „Bei uns liegen Sie richtig“, versprechen sie. Ich bin drauf und dran, dort anzurufen und nach einer guten Sargmatratze zu fragen. Das wäre was für meine Gruft. Ich habe mein Zimmer schwarz gestrichen und überall mit Spinnennetzen, Skeletten und Paravents mit schwarzen Kerzen dekoriert. Einen Sarg habe ich nicht, weil ich nicht rein passen würde. XXL-Anfertigungen gibt es leider nicht. Weil der Tod mich halt fasziniert, führe ich ein Doppelleben. Als graue Büromaus gehe ich zur Arbeit, nach Feierabend ziehe ich meine Gothic-Kluft an, ganz in Schwarz, dazu Zombie-Kontaktlinsen, schwarzer Lippenstift und alles, was mich sonst zur Leiche macht. Meiner Meinung nach lebe ich nämlich nicht. Ich bin tot, und das zeige ich auch ganz offen in meiner Freizeit.

Da Särge nicht nur unbequem eng, sondern auch ohne Matratze fürchterlich hart sind, schlafe ich noch in einem King-Size-Bett, allerdings mit schwarzem Bettgestell und schwarzer Bettwäsche. Auch Werwölfe hatte ich schon als Motive, oder eben Captain Jack Sparrow … Ich stehe so auf Jonny Depp!

Und immer wieder frage ich mich, ob ich eigentlich lebe. Klar, ich esse, trinke, geh zur Toilette und zur Arbeit, aber ist das Leben? Einmal die Woche gehe ich in meine Lieblingsdisco und lasse die Sau raus, aber davon abgesehen, ist es eigentlich ziemlich trist. Auf der Arbeit brauche ich nicht tot zu sein, das heißt ich darf nicht so rum laufen. Aber ich fühle mich dort tot. Leider muss ich oft Überstunden machen, eigentlich müsste die Firma als Eingang einen Sargdeckel haben. Ist allerdings komisch, wenn dadurch Leute wieder raus kommen. Am frühen Abend der Anruf meiner Schwester: „Hallo Tina! Lebst du noch?“ Ich antworte wie immer wahrheitsgemäß: „Nein, ich bin tot. Und wie geht’s dir so?“ Das ist nicht ungewöhnlich, meine Schwester weiß, dass ich ein Gruftie bin.

Auf dem Friedhof fühle ich mich richtig wohl. Weil meine Gesellschaft schweigt, sie ist ebenfalls tot, aber man kann sich mit ihr unterhalten, ohne als Freak abgestempelt zu werden. Wenn ich mal wieder mein Herz ausschütten will, gehe ich zu einer abgelegenen Gruft und schwatze die dann voll. Man kriegt keine dummen Zwischenfragen oder floskelige Antworten. Die hasse ich. Man kann erzählen, was man will, auch dass man mit Tom Cruise in der Besenkammer war, oder mit Leonardo Di Caprio im Cabrio gefahren ist. Mit Boris Becker würde ich da übrigens nie rein gehen. Nicht wegen der Nachwuchsgefahr, sondern weil ich den Typen einfach blass und langweilig finde.

Nachts bei Vollmond gehe ich am liebsten durch die Straßen und genieße es, dass die Leute schockiert die Straßenseite wechseln. So viele Tote laufen herum, als wären sie lebendig, gehen mit stereotypischen Gesten durch ihren Alltag, versehen ihre Arbeit wie ein Zombie und tun so, als sei das normal, so zu tun, als sei man so, wie man sein will, die bilden sich ein, dass sie das richtig machen, mit ihrer aufgeschminkten Fröhlichkeit und der Pseudofreundlichkeit, und wissen nicht einmal, dass sie eigentlich tot sind. Diese Zombies sind es aber, vor denen ich wirklich Angst habe. Menschen, die denken, sie sind normal, und das Leben nennen, was routinierter, langweiliger Alltag aus ihnen macht. Die mit dem Finger auf Menschen wie mich zeigen, die sich so zeigen, wie sie sich fühlen, weil sie denken, sie fühlen sich besser, als Menschen wie ich aussehen. Denn das stimmt nicht. Es geht ihnen genauso auf den Wecker, immer Freundlichkeit, Geschleime und Lächeln aufzusetzen. Aber sie meinen, sie seien normal. Die denken, es sei normal, das Gefühl zu haben, gar nicht zu leben, sondern nur zu funktionieren.

Ich setze diese Dinge nicht auf. Ich lächle nicht, wenn ich schlechte Laune habe, ich krieche niemandem in den Hintern, schon allein wegen des Gestanks nicht, ich bin nur zu den Leuten freundlich, die meine Freunde sind, und ich tue nicht so, als wäre die Welt immer in Ordnung. Ich behaupte nicht, zu leben. Ich bin tot. Und ich bin stolz darauf. Nicht auf den Tod, sondern auf die Tatsache, dass ich diese feinen Unterschiede zwischen Tod und Leben erkenne.

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