Kurzgeschichte

Der Flohmarkt mit dem Messie-Stand

Auf einem Flohmarkt in Berlin-Marzahn befinden sich allerlei skurrile Stände. Darunter auch einer speziell für Messies. Umzugstaschen gibt es auch (Müllbeutel). Er hat alles, was das Messie-Herz begehrt: Schimmelbrote mit Jesus-Gesicht, mit Maria, wie sie sich gerade wäscht, Zwieback mit Josef und Jesus drauf, (zu lesen in der Schimmelschicht) dreckiges Besteck, schmutziges Geschirr - der Kanzler hat davon gegessen, daher besonders wertvoll. Kaffeesatz von Hannelore Honnecker, in dem man erkennt, wie alt sie wird, Scherben vom Tontaubenschießen im Jahre des Herrn 1960, ein Mercedes Baujahr Anno 1956, zwar völlig verrostet, aber auch antik, zum Aufbewahren von anderen Sammlerstücken, nicht zum Fahren, nur zum Schieben, eine Auspuffschelle von Niki Lauda Anno 1985, alte verrostete Bettfedern aus dem Nachlass von Ernest Hemingway, Tellerscherben vom Polterabend der Verona Feldbusch und Dieter Bohlen, ein Müllcontainer als Campingwagen... Und die Leute sind tatsächlich interessiert.

Vor allem interessieren sich 2 durchschnittlich aussehende Männer in Jeans, aber mit stechendem Blick, für die Preise nämlich. Der Verkäufer hält beide für Vampire, da es an diesem Tag besonders trüb und regnerisch ist. Natürlich hat er noch ein Originalgebiss von Christopher Lee, dem Vampir der Filmgeschichte. Das ist angeblich gut erhalten, gänzlich kariesfrei, und soll 300 € kosten (Erinnerungswert). Zusammen mit dem anderen Messiezubehör kassiert der Verkäufer insgesamt über 6000 €. Nun will er seine Kasse in den Rucksack packen und Fersengeld geben, denn die beiden Männer mit dem bohrenden Blick sind mit 2 uniformierten Polizisten bereits auf dem Weg zu ihm. Er rennt los... Da wird er gepackt: "Hiermit verhafte ich Sie wegen Betruges und Wucher." Die vermeintlichen Vampire waren Polizeibeamte in Zivil. Statt in einer Luxussuite im 5-Sterne-Hotel in Griechenland bekommt er eine Wohnung in der 5er WG in Berlin, mit Einbauklo, Zentralverriegelung (von außen) stabilen Fenstern und geregeltem Tagesablauf.

 

In den Fangzähnen des Schicksals

 

 
Wegen dem, was mir widerfahren ist, will ich mich kurz vorstellen, damit ihr wisst, dass es sich bei mir eigentlich um ein (mehr oder weniger) menschliches Wesen handelt. Ich heiße Tanja und will von vorne anfangen, als ich noch ein ganz normaler Teenager war.
 
Meine Eltern sind streng katholisch, und in meiner Pfadfinderzeit wollten sie jeden Abend wissen, welche gute Tat ich vollbracht hätte. So überwand ich meinen anfänglichen Ekel und trug Kröten über die Straße, nahm Schnecken vom Asphalt und setzte sie in Vorgärten, damit sie nicht überfahren werden, und wenn das nicht richtig war, bekam ich meine Strafe von dem entsprechenden Nachbarn, der mich meist mittels seines Besens aus dem Vorgarten jagte. Mit Mädchen durfte ich spielen, so langweiliges Zeug wie Memory oder Stadt-Land-Fluss. Aber wehe, ich brachte einen Jungen mit nach Hause! Selbst mit 12 war mir das streng untersagt worden, ich sei zu jung „für so etwas“, von dem ich gar nicht wusste, was sie eigentlich meinten, denn damals gab es zwar die BRAVO, aber das Durchschnittsalter für den ersten Sex lag damals noch bei 14, jedenfalls bei den Jungs.
 
Ich war 13, als alles begann. Bis dato war ich ein „braves“ Mädchen gewesen. Da verliebte ich mich in den 2 Jahre älteren Hendrik. Er war 2 Klassen über mir. Eines Morgens achtete ich nicht darauf, wer die Stufen zum Schulgebäude hoch kam. Es wurde eine Mathematikklausur geschrieben, die erst 3 Tage vorher angekündigt worden war, und ich hatte null Ahnung, wie ich da noch mit einer Vier davon kommen sollte. Also saß ich da und weinte. Irgendwann setzte sich jemand neben mich und hielt mir eine Packung Taschentücher hin. Ich sagte „danke“ und putzte mir die Nase. Eigentlich war ich schon immer ein ganz hübsches Mädchen. Naja, dann hörte ich Hendriks dunkle Stimme sagen: „Keine Ursache“, ich sah ihn mit meinen verheulten roten Augen an, und er lächelte… Es war, als hätte er mir durch die Augen direkt ins Herz gesehen, so schnell schlug es auf einmal. Seine grauen Augen glänzten wie immer, das Morgenrot zauberte kupferfarbene Lichter auf sein Haar, und er legte einen Arm um meine Schulter.
 
„Kann ich dir helfen?“ fragte er mich. Irgendwas ließ mich sagen: „Hoffentlich. Kennst du dich aus mit Kurvendiskussionen? Wir schreiben gleich eine Arbeit… und diese Gleichungen mit mehreren Unbekannten…“ Wenigstens musste ich beim Gedanken daran nicht mehr weinen. „Zeig mal her“, meinte er, und ich holte mit leicht zittrigen Fingern mein Mathebuch heraus. Ich schlug die bestimmte Seite auf, und er begann, mir mit ruhiger Stimme alles zu erklären. Anschließend, kurz bevor es zur ersten Stunde klingelte, sah er mir ganz tief in die Augen. Ich sah ihm auch ganz tief in die Augen. Dann sagte er: „Wenn du eine Aufgabe siehst, die du kannst, mach diese zuerst. Die schwierigen Aufgaben hebst du dir für zuletzt auf. Und wenn du überhaupt nicht weiter weißt, denk daran was ich dir eben erklärt habe. Punktrechnung geht vor Strichrechnung. Immer erst die Klammerrechnungen auflösen…“ Er sagte noch ein paar wichtige Details dazu, und dann strich er mir über’s Haar und legte seine Lippen auf meine.
 
Ich weiß, die meisten kennen Zungenküsse. Aber ich übertreibe nicht, wenn ich jetzt behaupte, dass es viel mehr war als ein Kuss. Es war wie ein Film, der in rasender Geschwindigkeit vor dem inneren Auge ablief: Fackeln, Piratenschiffe, Schlösser, Burgen, eine uralte Dampflok, Pferdekutschen, echte Kerzen in Kerzenleuchtern… und dazwischen so viele Zahlen, Rechnungen, Regeln, Tabellen… Als er seine Lippen wieder von meinen löste und ich seine Zunge nicht mehr spürte, ging diese laute Schulglocke „drriiiiiii!“, schon mussten wir im Klassenzimmer sein. Hendrik sah mich an, und ich sah ihn an, völlig durcheinander, bedankte mich noch, und er meinte: „Wann immer du Probleme hast, sprich mich einfach an!“ Das fand ich total süß, und ich fragte ihn noch: „Wo finde ich dich?“ Darauf antwortete er seltsamerweise: „Ich finde dich.“
 
 
Diese Mathematikstunde wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Wir setzten uns hin, und ich hatte plötzlich gar kein schreckliches Gefühl mehr im Bauch, weil ich so wenig konnte. Nein, ich war völlig gelassen, als die Aufgabenzettel verteilt wurden. Die ganze Zeit musste ich an Hendrik denken, und glücklicherweise auch an all das, was er mir gesagt und erklärt hatte. Obwohl wir diese Aufgaben vorher nur sehr wenig geübt hatten, weil der Lehrer öfters krank war, löste ich sie alle, als sei ich urplötzlich ein Matheprofi. Stellt euch vor, ihr könnt prima lesen, aber beim Rechnen habt ihr Probleme. Und auf einmal habt ihr ein Talent, von dem ihr jahrelang nichts wusstet. So ging es mir in dieser Stunde. Und als wir die Klausuren abgeben mussten, hatte ich als Einzige ein Lächeln auf den Lippen, und der Lehrer schaute daraufhin gleich auf meine Zettel. Danach erwiderte er mein Lächeln mit einem Staunen und einem fast sichtbaren Fragezeichen über der Stirn.
 
Nach diesem Schultag war nichts mehr wie vorher. Meine ganze Welt hatte sich verändert. Das musste ich Hendrik sagen. Also blieb ich hinter dem Gebäude stehen und wollte auf ihn warten. Als ich mich umdrehte, stand er plötzlich vor mir. Es war wie Zauberei… Als wüsste er, dass ich ihn sprechen wollte! Er sah mich fragend an, und ich sagte nur: „Danke!“ Wahrscheinlich wusste er, worauf sich mein Dank bezog, denn er nickte nur und meinte: „Wir könnten von jetzt an öfter üben. Du möchtest später Abitur machen, nehme ich an?“ „Ja“, antwortete ich. „Am besten wir üben nach der Schule. Wo wohnst du denn?“ fragte er. „Oh… das ist schlecht, wegen meiner Eltern“, erwiderte ich, „sie sind nämlich sehr streng, ich darf keinen Jungen mit nach Hause bringen!“ „Dann haben wir ein kleines Problem“, meinte Hendrik, „denn bei uns im Heim dürfen wir auch keine Mädchen mit bringen.“ Da ich mit meinen Brüsten und der hellen Stimme auch kaum als Junge durchgehen konnte, fiel mir jedoch etwas anderes ein. Aber würde Hendrik mit spielen?
 
So überlegte ich hin und her und haderte mit mir, ob das eine gute Idee wäre, oder ob er sofort ablehnen würde. „Hättest du Interesse an einer ausgefallenen Methode, mich zu besuchen?“ fragte ich ihn. Hendrik grinste frech und nickte. „Als erstes müssen wir was mit deinen Haaren machen“, meinte ich, „ein paar Schleifchen, kann ja vom Blumenladen was sein, diese Stoffschleifen, weißt du. Und Kajalstift wäre sicher auch ideal. Ich habe noch einen grauen in meinem Tournister. Jeans und Turnschuhe trägt hier ja jeder, aber in deinem Fall würde ich das T-Shirt über die Hose ziehen… Ich hab zuhause noch nen alten BH, den stopfst du aus und schmierst dir etwas hellen Lippenstift drauf…“ Hendrik prustete los. Ich dachte erst, er lacht mich aus, dass ich solche Ideen habe, aber dann rief er: „Mann, das ist echt genial! Ich als Mädel!“ Dann verstellte er seine Stimme und piepste: „Hallo, ich bin Henriette!“ Super, er hat Humor, dachte ich und kicherte auch: „Au ja, lasst uns losgehen, du besorgst die Schleifen, ich den Rest!“ So ging er zum Blumenladen und ich brachte zum nächsten Schultag einen alten BH, Schaumstoff und Schminke mit.
 
Gleich nach der Schule gingen wir (ich brachte ihm noch den Hüftschwung bei) erst mal in der Seitengasse in eine Garageneinfahrt. Dort legte er den BH an: Er passte super. Dann zog er sich das T-Shirt über die Hose, band sich 2 Schleifchen in die Locken, ich schminkte ihn… und dabei hätten wir uns beinahe wieder geküsst. Immer wenn ich in seine Augen sah, fühlte ich mich zu ihm hingezogen, hatte Verlangen nach seinen Küssen, seinen Händen, seiner männlichen Stimme. Wir wussten nicht, ob wir beobachtet wurden, also gingen wir einfach Hand in Hand weiter – nun brauchte er nämlich Unterstützung.
 
Als wir zuhause ankamen, holten wir beide ganz tief Luft. „Hoffentlich klappt alles“, dachte ich, als ich ihn ansah. Er schien das Selbe zu denken, dann schloss ich auf. „Hallo Mutter“, rief ich Richtung Küche, „Ich habe Besuch mitgebracht. Sie ist eine neue Freundin und hilft mir bei Mathematik!“ Meine Mutter, eine etwas mollige blonde Frau mit Dauerwelle, Kleid und Schürze (typisch 60er Jahre), kam in den Flur und sagte: „Oh, das ist aber schön, dass dir endlich jemand in diesem Fach hilft!“ Hendrik, äh, Henriette, hatte im Blumenladen auch gleich einen Strauß Nelken gekauft, weil er dachte, das kommt besser. „Guten Tag, Frau Winter“, piepste er, „Ich bin Henriette Alucard! Hoffentlich mache ich Ihnen keine Umstände?“ Meine Mutter war begeistert: „Oh, die sind aber schön! Vielen Dank, Henriette! So ein schöner Name! Na dann geht mal in die Küche, Kinder, ich habe Erbsensuppe gekocht, dein Vater kann ja mal Brot essen!“
 
So aßen wir also… Nein, stimmt nicht ganz, Henriette aß nicht. Sie stocherte nur in der Suppe herum und meinte: „Das schmeckt wirklich vorzüglich, Frau Winter, aber ich muss auf meinen Blutzuckerspiegel achten, ich leide an Diabetes! Und meine Mittagsspritzen habe ich leider zuhause! Sie sind doch nicht böse?“ „Nein, natürlich nicht, ach Sie armes Mädchen, so früh schon zuckerkrank!“ Meine Mutter ging in die Waschküche und meinte: „Du räumst doch nachher die Spülmaschine ein?“ „Natürlich“, sagte ich und fragte Hendrik: „Bist du wirklich zuckerkrank?“ Er sah mich an und meinte mit leiser rauer Stimme: „Natürlich nicht. Aber bei dem Herzklopfen in deiner Nähe kriege ich einfach nichts runter!“
 

 

 
Süß! Er hatte mir soeben eine Liebeserklärung gemacht! Als wir die Spülmaschine eingeräumt und in Gang gesetzt hatten, kam meine Mutter mit der Wäsche aus dem Keller. „Würdest du deine Sachen bitte gleich einräumen?“ „Klar, kein Problem… Henriette kommt gleich mit, zu zweit geht alles schneller, dann können wir ja auch üben!“ Meine Mutter hatte tatsächlich nichts gemerkt! Kaum hatte ich meine Zimmertür geschlossen, half mir Hendrik wirklich, die Sachen in den Schrank zu tun… und was mir fast gruselig vorkam, war, dass er genau wusste, wo welche Sachen waren! Er bewegte sich in meinem Zimmer, als wäre es seines!
 
Schließlich holte ich meine Mathesachen raus. Gerade wollte ich mich an den Tisch setzen, als Hendrik plötzlich vor mir stand und mich auf das Bett schubste. Ich sah in seine Augen, sie wirkten wild und ungezügelt, und in diesem Moment hatte ich Angst vor ihm. Er legte sich auf mich und sagte: „Diese Dinge brauchst du nicht. Wenn du etwas begreifen willst, musst du es anfassen. Das Ansehen alleine bringt dir eine fremde Welt nicht nah!“ Diese weisen Worte aus dem Mund eines anscheinend 15jährigen klangen, als sei er in Wirklichkeit 150 Jahre alt, dachte ich. Da sagte er: „Du hast fast richtig geraten. Eigentlich bin ich 156 Jahre alt. Ich stamme von einem alten Adelsgeschlecht ab.“ „Du meinst wohl deinen Stammbaum damit?“ fragte ich, aber im Grunde wusste ich die Antwort schon, ich hatte es beim Küssen bemerkt: „Nein, Tanja, ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich kenne dein Geheimnis. Jetzt sollst du meins kennenlernen.“
 
Er setzte sich neben mir auf das Bett und begann zu erzählen. Wie er als Sohn einer böhmischen Prinzessin von einem Gutsherren gebissen und auf ein Schloss in Transsilvanien verschleppt worden war. Damals war er wirklich 15 Jahre alt. Es waren mehrere merkwürdige Gestalten in diesem Schloss, und alle wollten sich von ihm ernähren, ihn aber nicht töten. Er war zu Dingen gezwungen worden, die schon damals nur in Bordellen praktiziert wurden, darum war er angeblich kein richtiges Kind der Nacht. Er konnte sich am Tage in der Sonne aufhalten, ohne zu verbrennen, aber er konnte kein normales Leben führen.
 
 
Sobald auffiel, dass er nicht alterte, musste er die Schule, die Stadt, manchmal auch das Bundesland wechseln. Französisch konnte er am besten, darum war er auch längere Zeit in Paris. Bis dahin war ich in ihn verliebt gewesen, mein Herz klopfte schneller, meine Wangen waren heiß und wahrscheinlich auch rot. Nun spürte ich eine Kälte in mir, die vom Rücken her immer höher kroch und sich im ganzen Körper ausbreitete. Ich sah ihm in die Augen und erkannte, dass er glaubte, was er sagte. Er sah in meine Augen und erkannte, dass ich die Dinge nicht glauben konnte, die er mir gerade erzählt hatte. Auf einmal erkannte ich eine tiefe Traurigkeit darin, und so etwas wie Verlorenheit oder auch schwerwiegende Verantwortung für das Wissen, das er in diesen angeblich 156 Jahren angesammelt hatte. Es war immernoch ein Band zwischen uns, stärker als Freundschaft oder Liebe, als würde man sich von Geburt an kennen und automatisch wissen, was der andere denkt. Ich hatte keine Geschwister und fragte mich: „Ist das Geschwisterliebe?“ Ich hatte es nicht laut ausgesprochen, aber Hendrik sagte: „Das ist Seelenverwandtschaft. Es ist etwas sehr Kostbares, wertvoller noch als Liebe. Was uns zusammen gebracht hat, kann keine Macht der Welt mehr trennen. Und ich weiß, wo immer du auch bist, bin ich im Geiste bei dir, und wo immer du auch bist, wenn du mich brauchst, ich finde dich.“

 

 
Das fand ich sehr romantisch, und deshalb habe ich eine Kerze angezündet. Wir haben ja immer Kerzen auf dem Zimmer, weil wir nun mal katholisch sind, und auch in meinem hing ein Kruzifix. Alles, was ich über Vampire wusste, versuchte ich nun anzuwenden, und wollte das Kruzifix abnehmen oder verhängen. Da sagte Hendrik zu mir: „Das musst du nicht tun. Ich habe keine Angst vor dem Symbol einer Gestalt, die vor mehr als 2000 Jahren gestorben ist. Allenfalls so etwas wie Respekt.“ So brannte mir die nächste Frage auf der Zunge: „Kann man mit dir auch über Gott reden?“ Hendrik überlegte, fand aber auch darauf eine Antwort: „Wie kannst du über etwas reden, von dem du nur aus der Bibel weißt? Warum sind die Kirchen und Sekten alle davon überzeugt, was sie tun, wenn sie doch gar nicht wissen, ob es stimmt? Was ist das Geheimnis der Gurus wie Buddha, dem Dalai-Lama oder irgendwelchen Wanderpredigern? Sie versuchen, die Menschen von etwas zu überzeugen, von dem sie alle nichts wissen, nicht einmal die Sektierer oder Priester! Sie meinen, wenn sie nichts wissen, dann müssen sie glauben! Kann man an etwas glauben, von dem man nicht weiß, ob es funktioniert? Wir probieren doch alles mögliche aus: Evangelische, Katholiken, Zeugen Jehovas, Scientologen, Moslems, Juden… und wenn etwas funktioniert, dann bleiben wir auch dabei. Was funktioniert bei dir?“ fragte er mich.
 
Da musste ich selbst nachdenken. Und mir fiel nur eine Antwort ein: „Du!“ Diese Antwort schien Hendrik erwartet zu haben, aber er lächelte erfreut und nahm mich in den Arm. Endlich breitete sich wieder Wärme in mir aus, ich begriff, diese Art Telepathie kann nur bei Menschen funktionieren, die sich sehr nahe stehen. Und ehrlich gesagt: Beim Beten habe ich diese Nähe noch nie gespürt. Auch nicht beim Beichten. Plötzlich brannte es in meiner Halsbeuge, auf der Schulter. Es zog ein bisschen, dann legte er seine Handfläche auf meinen Mund. Es tropfte etwas Warmes auf meine Lippen; ich berührte es mit meiner Zunge. Es schmeckte metallisch, fast wie Kupfer. Als Hendrik mich los ließ, fragte er: „Hast du ein Pflaster?“ Ich wollte sagen, ja, da zog er die Schublade auf und legte mir eins auf die Schulter. Was er getan hatte, ahnte ich, und fragte ihn: „Bin ich jetzt auch ein Vampir?“ Hendrik lachte und meinte: „Nein, dazu müsste ich dich bis zur Besinnungslosigkeit aussaugen. Ich hab allerdings vor, damit bis zu deinem 14. Lebensjahr zu warten… Obwohl: Du kannst wie ich sein, tagsüber rum laufen, allerdings brauchst du Blut um zu überleben. Ich beziehe vom Metzger immer eine Ladung Schweineblut. Beißen kann man nicht jeden Menschen. Du bist etwas Besonderes. Wir gehören zusammen. Und mit diesem Ritual haben wir das besiegelt.“
 
Ausgerechnet in diesem Moment klopfte es an der Tür. Mein Vater kam herein. Hendrik saß wieder brav am Tisch und ich auf dem Bett. „Guten Abend, Henriette“, sagte er zu ihm, „versteht sie denn die Mathematik bei dir?“ Daraufhin meinte Hendrik: „Wir machen Fortschritte!“ Ich grinste. So konnte man es auch sagen, dachte ich. „Nun ist es aber schon recht spät!“ meinte Hendrik mit Blick auf die Uhr. „Ich sollte besser nach Hause gehen.“ „Okay“, meinte mein Vater, „grüß deine Eltern schön von uns!“ Hendrik ging zur Tür; ich begleitete ihn. Er sah mir tief in die Augen, als die Tür hinter ihm zu fiel. „Ein nettes Mädchen“, sagte mein Vater, „aber auch deutlich älter als du, oder?“ „Ja, darum kann sie mir ja auch viel beibringen.“ Damit waren meine Eltern zufrieden. Und mein Leben hatte sich entscheidend verändert.
 
In den nächsten Wochen trafen wir uns öfter. Allerdings lud mich Hendrik auch mal zu sich nach Hause ein. Kein Heim, kein Waisenhaus, sondern eine Burgruine, deren Kellergewölbe noch gut erhalten und bewohnbar waren. Im Winter konnte man den Kamin beheizen. Es blieb nicht bei dem einen „Biss“ und natürlich auch nicht bei den Küssen. Natürlich fiel meinen Eltern der verschwundene Appetit auf, sie hielten es für die Modeerscheinung „Magersucht bei jungen Mädchen“ und wollten mit mir zum Psychologen. Sie gingen mit mir zum Pfarrer und der sprach mir auch noch ins Gewissen: „Gottes Gaben darf man nicht ablehnen“ usw. Der Psychologe war ein etwas älterer Herr mit wirren Haaren, der wirkte, als hätte er eben erst in die Steckdose gegriffen, um die nächsten langweiligen Gesprächsrunden nicht einzuschlafen.
 
„Also, Fräulein….“ Er sah auf einen Zettel, ich sagte: „Winter“, er fuhr fort, „dann wollen wir mal. Haben Sie schulische Probleme oder ist es Ihr Elternhaus?“ Ich sah dem gelangweilten Professor in die Augen, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte, und ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich sagte: „Sie werden mir zuhören und mir die ganze Zeit in die Augen schauen. Sie werden immer müder, bald schlafen Sie bis die Sitzung zuende ist. Und wenn der Wecker klingelt, gehen Sie raus zu meinen Eltern und sagen Ihnen, ich bräuchte wegen einer seltenen Anämie täglich einen Liter Schweineblut. Sonst sollte ich nichts essen. Diese Diät ist das einzige, was mir in diesem Stadium noch hilft. Und wenn sie nachfragen, dann glauben Sie das immernoch und erzählen das Gleiche noch mal.“ Dem Psychologen fielen die Augen zu, sein Kopf fiel runter aufs Brustbein, und ich kletterte aus dem Fenster. Es würde niemand rein kommen, ich hätte ca. 40 Minuten Zeit. Und dachte an Hendrik.

 

 
Ich saß auf dem Fensterbrett, das ging zum Garten raus. Sie hatten Azaleen und einen Zierkirschenbaum mitten auf dem Rasen. Gerade dachte ich an Hendrik, da hörte ich jemanden „pssst!“ rufen, und Hendrik schwang sich über den Gartenzaun. „Es hat angefangen“, sagte ich nur. Hendrik nickte. „Mit der Hypnosenummer kommst du nicht ewig durch. Wenn du anfängst, deine Eltern zu hypnotisieren, machst du auf Dauer ihr Leben kaputt. Und deins auch. Es gibt jetzt nur noch einen Weg: Flucht in eine andere Stadt. Ich hab ne Idee: Du hypnotisierst den Psychologen noch mal, dass er dir ne Kur verschreibt in einem Schweizer Sanatorium. Dort treffen wir uns wieder, ich kenne jemanden, der Papiere machen kann, anfangs ging das noch als Schiffbrüchiger. Oder wir sagen unsere Papiere sind verloren gegangen und beantragen neue. Wie du dein Aussehen veränderst, weißt du noch nicht?“ fragte er. „Du meinst, Richtung Mann?“ Hendrik dachte an unsere Nummer bei meinen Eltern und lachte. „Nein. Visuelle Halluzinationen. Man schaut in den Spiegel und sieht sich so, wie man aussehen möchte. Das klappt sofort.“ „Warum müssen wir dann flüchten?“ fragte ich. „Wegen unserer Stimmen, und Eltern erkennen ihre Kinder, das ist ähnlich wie bei den Robben.“ „Und welchen Spiegel meinst du?“ fragte ich. „Irgendeinen“, meinte Hendrik, „Es muss nur nachts sein, bei Kerzenschein, und das Spiegelbild erzeugst du selbst. Du wirst so lange so aussehen, wie du es möchtest, bis du es wieder änderst.“ „Das glaub ich dir nicht“, sage ich grinsend. „Probiers aus“, meinte Hendrik.
 
   
Also habe ich es ausprobiert. In der selben Nacht. Erst schloss ich die Augen und stellte mir mich als Heidi Klum mit schwarzen Haaren, braunen Augen und schmaleren Lippen vor. Ich öffnete sie – und sah sie im Spiegel! Mit dem Gedanken bei Hendrik dachte ich: „Super! Is ja irre – es hat geklappt!“ und kletterte aus dem Fenster. Da legte mir jemand die Hand auf die Schulter. Ich drehte mich um… und sah den Psychologen. Er packte mich an den Schultern, schlug mich brutal mit dem Rücken an die Hauswand, hielt meine Hände fest und hinter den Kopf und begann, an seiner Hose rum zu fummeln. Ich sah ihm morddrohend ins Gesicht, da wurde er aschfahl, ließ mich los und zog ein Messer aus seiner Jackentasche. Ich sah ihm weiter ins Gesicht, da machte er die Hose auf und schnitt das ab, womit er mich gerade vergewaltigen wollte. Seinen Schrei hat sicher die ganze Nachbarschaft gehört, ich bin gerannt, so schnell ich konnte, und irgendwann lag ich auf jemandes Rücken, aber er ging nicht zu Boden, sondern erhob sich in die Luft! Irgendwie wusste ich, das kann nur Hendrik sein. – Er war es! Und wir flogen die ganze Nacht hindurch, bis in die Schweizer Alpen. Als es hell wurde, mussten wir landen.
 
Seitdem ist unser ganzes Leben total krass. Ich weiß gar nicht, ob man diese Mischung aus Existenz und Wunschtraum überhaupt „Leben“ nennen kann. Es ist irgendwie wie ein Rausch, Abenteuer, Seelenverwandtschaft, diese Kraft, die wir daraus schöpfen, und das Vertrauen, das nicht einmal unter Zwillingen herrscht, diese neuen Eigenschaften, Hendrik kann gut damit umgehen. Aber ich muss es noch lernen. Inzwischen sind wir nach Österreich gezogen, weil unsere Existenzen in der Schweiz fast aufgeflogen wären.
Wir leben in einer kleinen Wohnung in Hallstatt. Haben noch einen Seelenverwandten gefunden, der beim Jugendamt arbeitet, so ist das eine Art „betreutes Wohnen“. Von mir aus könnte das immer so gehen. Der Nachteil beim frühen Beißen ist, man braucht irgendeine erwachsene Person, die einen unterstützt. Die haben wir zumindest gefunden.
 

 

 
Es ist nicht nur die Mathematik, Physik, Literatur, Rechtschreibung, Chemie, Biologie, Geschichte und Religion, was man uns Heranwachsenden beibringen muss. Wir haben besondere Fähigkeiten und müssen lernen, sie richtig einzusetzen. In keiner Schule gibt es das Fach namens „Liebe“, es heißt immer nur „Gemeinschaftskunde“, „Moral“, „Werte und Normen“. Jeder Lehrer geht davon aus, dass wir Teenies ganz von selbst die Liebe entdecken. Das ist allerdings nicht einfach. Sie besteht nicht nur aus Schwärmerei und Leidenschaft. Es ist so viel mehr, wie Ehrlichkeit, Vertrauen, Akzeptanz, Respekt, zusammen glücklich sein. Diese Sachen kann keine Geschichte erzählen.
 
Und die Sterblichen haben uns etwas voraus, es ist nicht nur umgekehrt. Im Gegensatz zu uns wissen sie immer, wer sie sind und können ihre Identität nicht nach Belieben wechseln. Ich finde das wichtig, weil man nicht nur eine Blondine mit schönen Gesichtszügen oder einen schwarzhaarigen untersetzten Mann sieht, sondern auch den Menschen, der dahinter steckt.